23:18 ab Kasanskaja fährt mein Zug von Moskau nach Rostov am Don – Ankunft 19:12. Ich muß suchen, denn mein Zug steht nicht auf der Anzeigetafel, denke ich. Er heißt anders und fährt anders ab aber er ist es.

Ein Polizist hilft mir und fragt per Funk, wo der Zug fährt. Ich hab ja etwas Respekt vor der Polizei aber alles gut.

Die Schaffnerinnen stehen an den Schlafwaggons und sie kontrollieren nochmal alles. Schon am Eingang vom Bahnhof wurde ich kontrolliert, das kenne ich auch aus Mailand – fast wie am Flughafen. Aber jetzt paßte mein Benpacker nicht durch den Tunnel und ich baute ihn auseinander. Die anderen werden behindert und das ist nicht lustig. Keine Beanstandung, obwohl ich ja meine Gaskartusche für den Kocher dabei habe. Na wer weiß.

Der Waggon ist schon älter aber irgendwie besser als der nagelneue Berlin-Moskau. Es stehen für zwei Personen Obstteller und Teegläser bereit.

Weil es keine Einzelabteile gab, hatte ich 2er Abteil „gender sensible“ angekreuzt. Kurz vor Abfahrt kommt sie, Jenia. Eine junge Frau aus Selenograd vor den Toren Moskaus – huch. Da sitzen wir nun und sie bricht das Eis indem sie mich auf englisch anspricht. Gottseidank – wir können über alles reden. Bei „gender sensible“ hatte ich wohl was falsch verstanden, weil ich mit einem Mann rechnete. Sie sagte, da sei sie schuld. Es waren kein Schlafplätze mehr frei und dann habe man sich eben gemeinsam über meine Sensibilität hinweg gesetzt. Na, das wird schon gehen. Sie muß morgen früh um 7 Uhr in Woronesch aussteigen, hat ein Meeting für Ihre Firma (bulgarische Haushaltschemie). Sie macht PR und Marketing und reist fast nur mit dem Zug durchs Land. Es wird ein kurzer Abend, denn sie braucht ihren Schlaf.

Wir knipsen das Licht aus und ich sitze noch ne Weile mit einer Flasche Bier und gucke in die Nacht. Wie hell es jetzt in Moskau ist. Ich habe am ersten Abend noch den Kreml abgeklappert.

Der Rote Platz war leider gesperrt.

Hier draußen in der Pampa brennen wieder Böschungen vor sich hin. Das kann eigentlich nur Absicht sein, denn es ist weder heiß noch trocken.

Jenia kriegt um 6 Uhr ihr Frühstück und wuselt herum. Ich Dreh mich nochmal. Dann ist sie weg und ich komme gerade noch rechtzeitig aus der Koje,um ein paar Eindrücke von Woronesch zu knipsen.

Die Stadt ist sicher nicht so doll, aber sie haben einen oder mehrere große Seen und das sieht schon gut aus.

Solche Städte werden jetzt mehrere kommen.

Gegen 11 Uhr Liski. Es ist nichts los. Die dritte Wagenklasse ist am anderen Ende des Zuges und da steigen ein paar ein. Auf dem Bahnsteig verkauft eine Frau unter anderem gekochten Mais.

Das wirkt ärmlich. Aber egal wie unattraktiv die Gegend ist, die Orthodoxen haben ihre blitzblanken Kirchen mit golden Kuppeln. Deren Geschäftsmodell sollte man näher kennen lernen.

Ich habe den Waggon den ganzen Tag für mich. Kann abwechselnd sitzen oder liegen.

Meine Nachbarn laufen in Bademänteln herum und haben ihren Spaß. Auf keinen Fall würde ich mich dazu hinreißen lassen. Ich bin jetzt schon Semiprofi: Heißwasser aus der Küche, kaltes Trinkwasser aus dem Spender. Leider kein Internet, aber einen Fernseher mit den Programmen 1, 2 und 3 – Kriegsfilm, Heimatfilm, Arztfilm – alle so um 1960 gedreht.

Ich laß das mal zwei – drei Stunden laufen in der Hoffnung es kommen Nachrichten oder Wetter – nichts. Jetzt fängt ein neuer Film an „Dienst für einen Kameraden“ (sehr alter Kriegsfilm). Sie diskutieren mit List den Schlachtplan und dann wird geschossen!

Draußen mal wieder eine Industriestadt mit reichlich Güterwaggons. Da ist Steinkohle oder Stammholz drin.

Wir fahren Richtung Donbas, also werden die riesigen rostigen, schmutzigen, rauchenden Fabriken mehr. Mir ist langweilig. In der zweiten Klasse haben sie einen Heißwasserspender in der Größe eines Atomkraftwerks.

Ich lasse ihn mir erklären, weil ich auf dem Weg zum tristen Speisewagen bin. Aber immerhin … Baltika – das erinnert mich an mein Abenteuer Baltikum. Da hatten sie auch dieses Bier. Das Glas allein wiegt ein halbes Kilo, das haben wir bei uns als Blumenvase.

Dann mal eine schönere Siedlung mit kleinen Häuschen. Hier ist es nicht so sumpfig, wie vor Moskau aber weit hat es die Natur auch hier noch nicht gebracht. Noch 4 Stunden bis Rostov, wir sind also gleich da.

Das wird noch lustig heute Abend, ich habe mich nicht um ein Zimmer gekümmert und hier hab ich kein Internet um was zu recherchieren. Das muß ich nachher am Bahnhof machen. Ohnehin muß ich für die Fahrt morgen Abend nach Baku meine Fahrkarte registrieren lassen, das ging vorher nicht. Mal schauen.

Registrierung hab ich am Bahnhof erledigt. Erst sollte ich eine Nummer ziehen und warten und dann nahm sich meiner eine gelangweilte Kollegin an, die eigentlich die Bedienung an den neuen Automaten erklären soll, aber keiner kauft eine Karte.

Der Zug kommt fast pünktlich. Rostov hat eine sehr große Ausdehnung, ist aber auch stark zersiedelt. Zunächst kommen fast nur alte graue Blöcke in Sicht.

Dann werden diese Richung Stadt farbiger, moderner aber es bleiben Schlafkasernen.

Hier werden auch Landmaschinen hergestellt, ich bin nur nicht schnell genug um die Fabrik zu fotografieren. Und Schiffe sind auf dem Don zu sehen.

Die Stadt ist nicht schön. Das Zentrum der Stadt läßt sich nicht leicht ausmachen. Am Bahnhof sagen die einen, es sei hier am Bahnhof, die anderen wissen es nicht. Ich folge meinem gesunden Menschenverstand und laufe an einer breiten staubigen Straße entlang eines steinernen Flußbettes, das fast kaum Wasser führt.

Dann biege ich in eine andere vierspurige Straße ein und die ist das Zentrum.

Ich erkenne das an den teuren Marken, die links und rechts verkauft werden. Da finde ich auch ein witziges Café Restaurant.

An der attraktivsten Ecke kreuzt eine sechsspurige Straße!

Und es scheint keine Blitzer zu geben, die Leute drehen auf und rasen. Alle Kilometer gibt es eine Ampel, an der man minutenlang auf grün wartet. Das Auto hat hier einen hohen Stellenwert. Keine Tram, kein Obus, kein Fahrradweg und Fußgänger sein – das ist nur was für arme Schlucker oder betrunkene Schlucker.

Morgen seh ich mir das mal im Hellen an.

Mein Hostel habe ich direkt am Busbahnhof gefunden. 17€ und ich kann bis 18 Ihr morgen bleiben, dann geht ja mein Zug. Das Zimmer ist in Ordnung.

Es hat zwei kleine Fenster zum Busbahnhof, da schallen die Ansagen durch. Sehr originell.

Veröffentlicht von langeguido

Ich bin Läufer, Magazinliebhaber und Laufblogger. Ich laufe regelmäßig seit 2011 und erlebe dabei viel. Zwei Blogs gibt es von mir: https://transkaukasien.com - Frühjahr 2019: Ein Abenteuer, von Baku über Tiflis nach Poti zu laufen - Aserbaidschan + Georgien - vom kaspischen meer zum Schwarzen Meer, und https://abenteuerbaltikum.com - Lauf 2017 : 2000 km entlang der Ostsee laufen, von Stralsund nach Tallinn / Helsinki I‘m a runner and I could tell some short stories about running. In 2019 I run from Caspian Sea to the Black Sea, from Baku to Tiflis to Poti - Azerbaidshan ans Georgia. 2017 I ran 2000 km along the Baltic Sea coast - Germany, Poland, Russia, Lituania, Latvia, Estonia, Finland.

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