Morgen will ich von hier aus loslaufen, und heute suche ich nach der Bestimmung des Tages. Aber erstmal fahre ich ja mit der Bahn von Lviv hierher – nach Wien.

Ich suche wieder meinen Zug und komme an diesen grausigen Waggons aus der Nachkriegszeit vorbei.

Mein Wagen 431, Kurswagen Kiew – Wien ist moderner, vielleicht 30 Jahre alt. Der ist absolut ausreichend und glücklicherweise habe ich ihn für mich allein.

Der Junge Schaffner ist etwas aufgeregt und zerrt mich gleich zu Anfang in das enge Klo. Was will er? „Eto – njet“. Er zeigt abwechselnd auf das Schild – „keine Abfälle ins Klo schmeißen“ und den unappetitlichen Papierkorb. „Ja alles klar, weiß ich doch….“ Er tappelt aufgeregt hin und her, er will halt alles richtig machen und seinen Job bei der internationalen Abteilung behalten und nicht zurück zu diese abgeranzten Wagen des Inlandverkehrs. Auch der Samowar funktioniert. Sie teilen Bettwäche aus und ich mache es mir mit einer Flasche Bier gemütlich und gucke aus dem dunklen Waggon in die Nacht hinaus.

Die Schienen sind extrem schlecht und die Anhängkupplung macht wieder diese Knall- und Schabgeräusche – Metall auf Metall, aber das muß wohl so.

Ich schlafe schlecht ein und als es endlich soweit ist, reckt sich über mir eine dunkle Person mit großen Händen und ich schrecke hoch. Ach, es ist nur der Schaffner um halb zwei – es kommt gleich die Zoll- und Grenzkontrolle und er will seine Sache gut machen, in dem alle Fahrgäste stramm stehen. Da hat er sich bei mir den falschen Zeitpunkt ausgesucht und ich rolle mich wieder ein, dann kommt er wieder und hält mich wach.

Endlich kommt eine müde Frau in Uniform und sammelt alle Pässe ein, den hätte ich vorhin auch schon abgeben können. Dann ein dicklicher Zöllner, der sich nicht solange runter bücken kann und aufgibt, zu fragen was das da alles ist.

Jetzt aber pennen! Davon hält mich der Junge Streber auch nicht mehr ab. Allerdings schieben, ruckeln und bugsieren sie unseren Wagen zwei Stunden lang herum, weil die Räder wieder auf die westliche Spurweite getauscht werden müssen, die russische Spur geht bis hier und ist 30 cm breiter. Da werde ich immer wieder durchgeschüttelt. Dann kommt die Frau zurück mit den Pässen, ach ja stimmt, „spokolni notsch“ – mein Gott bin ich hinüber.

Jetzt wieder der Jungspund – aufwachen, ungarische Polizei und Zoll. Grenzen, das sagte ich schon, sind einfach nur überflüssig. Halb fünf fahren wir letztendlich weiter auf wunderbar glatten Gleisen – ich bin zurück in unserem Europa!

Ab 8 gucke ich ab und zu aus dem Fenster – starke Regenfälle und grüne Natur, die Debrecziner Heide.

Auf den 20 Unterwegsbahnhöfen kommen ungarische Ansagen, die Schilder und elektronischen Anzeigen wie in Österreich und bei uns und „ordentliche Gehöfte“. Alles OK.

Bei Budapest bin ich aufgeregt und will alles fotografieren. Die meisten steigen hier aus aber man sieht praktisch nichts von der Stadt.

Selbst die Donau ist nur grau hinter den Metallstreben und einer zweiten Brücke zu sehen.

Frühstück im Zug.

Und aus den Fenster schauen. Ab Österreich gibt es wieder Windktaft. Das hatte ich ganz vergessen.

Wien HBF und eine andere Welt ist um mich rum.

Voller Überfluß, Genuß und Luxus.

Und ich kann alle Schilder lesen.

Was mache ich in einer Stadt, deren weltberühmte Sehenswürdigkeiten ich schon kenne und von wo aus ich morgen wieder als Läufer aufbrechen werde. Erstmal in die Wirtschaft: Pilzcremesuppe und Spargel mit Kartoffeln.

Ich belausche die Herren, verstehe aber nicht mal die Grundzüge der Diskussion hinten in der Ecke und genieße die leicht miefige Stimmung.

Mein Quartier habe ich im 6. Bezirk gesucht, damit ich hier herum streunen kann.

Der 6. und 7. Bezirk zwischen Wienzeile und Lerchenfelder Straße gefällt mir am besten. Hier gibt es wirklich alles.

Dazu sehr viele Kneipen, witzige Läden, Speisen aller Länder, noble Goldschmide neben einfachen Geschäften, Antik neben Moderne.

Noch habe ich meine Bestimmung nicht gefunden an diesem Pausentag. Ich kaufe nichts und finde nur vieles interessant.

Das eigentliche Zentrum, innerhalb und am Ring – den 1. Bezirk – besuche ich mal wieder mit meiner Frau zusammen. Ich versuche keine Straße zweimal zu gehen und komme irgendwann hier in diese Ecke.

Und hier liegt auch mein Ziel das mich finden mußte: Das BAD in der Herrmannsgasse. Es ist erstmal nur eine Tür.

Eigentlich ist es nur eine Sauna und genau die brauche ich heute.

Es regnet, es ist kalt und windig, seit Tagen friere ich immer wieder und trotz Massage in Lemberg sind die Muskeln irgendwie gespannt. Diese Sauna ist ein Kosmos. Die Leute von hier lieben Sie auch als Umschlagplatz von Informationen. „Hast Du schon gehört, der und der ist krank, geht nicht vor die Tür, will man mal besuchen, sah auch schon länger nicht gut aus, wird aber wieder wenn’s erstmal warm wird, rappelt sich wieder auf, eigentlich alles gut soweit….“ Alles auf Wienerisch.

Sie nehmen mich herzlich auf und wollen wissen, woher ich komme, was ich hier mache. Ich würde im Dämmerlicht der Sauna dem Sieghardt Rupp so ähnlich sehen…. und so geht es drei Stunden lang. Ich komme als neuer Mensch heraus und bin happy.

Nun fehlt mir nur noch ein Cafeehaus mit einer Eierspeise, dann bin ich gut vorbereitet für morgen.

Und ich muß noch googeln, wer dieser Sieghardt Rupp ist. Vielleicht sieht er ja ganz gut aus.

Da kann man mal sehen – Selbstbild – Fremdbild. Ein Cowboy, kein schlechter Vergleich!

Für alle, die sich jetzt erst einlesen und sich fragen, warum der Blog nicht Transdanubia (wegen Donau) heißt: Mein ursprünglicher Lauf von Baku in Aserbaidschan nach Poti in Georgien, vom Kaspischen Meer zum Schwarzen Meer war nicht durchführbar. Näheres steht in der Geschichte 12. So beschloß ich, statt über Wien mit dem Zug nach Hause zu zurück zu kehren, diese Strecke möglichst vollständig zu laufen. Ich bin quasi auf dem Rückweg von Transkaukasien. So komme ich doch noch in den Laufgenuß, allerdings auf sicherem Terrain.

Veröffentlicht von langeguido

Ich bin Läufer, Magazinliebhaber und Laufblogger. Ich laufe regelmäßig seit 2011 und erlebe dabei viel. Zwei Blogs gibt es von mir: https://transkaukasien.com - Frühjahr 2019: Ein Abenteuer, von Baku über Tiflis nach Poti zu laufen - Aserbaidschan + Georgien - vom kaspischen meer zum Schwarzen Meer, und https://abenteuerbaltikum.com - Lauf 2017 : 2000 km entlang der Ostsee laufen, von Stralsund nach Tallinn / Helsinki I‘m a runner and I could tell some short stories about running. In 2019 I run from Caspian Sea to the Black Sea, from Baku to Tiflis to Poti - Azerbaidshan ans Georgia. 2017 I ran 2000 km along the Baltic Sea coast - Germany, Poland, Russia, Lituania, Latvia, Estonia, Finland.

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2 Kommentare

  1. Hallo Herr Lange, super spannender Reisebericht. Großartiges Abenteuer, was Sie da angehen. Viel Spaß und alles Gute! Elmar Mathews

    Gefällt 1 Person

    1. Herzlichen Dank, lieber Herr Mattews. Ab heute wieder auf der Straße – 1. Etappe auf dem Donauradweg – 25 km bei Dauerregen, aber schön!

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