Eine Stunde vor Abfahrt bin ich am Bahnhof.

Ich gucke nach meinem Zug und er sieht schlimm aus.

6-8 Leute in einem stickigen Abteil und mein 1. Klasse-Waggon ist nicht in Sicht.

Dann stellt sich heraus, es ist der nachfolgende Zug – Gott sei Dank.

Zugfahren ist billig in der Ukraine und das Land ist groß. Mein Luxus Abteil ist super ordentlich, wenn ich mir auch eine dezentere Lichtquelle gewünscht hätte. Kostet mit 60€ ungefähr 1/4 des deutschen Fahrpreises für die 600 km.

Auch ein moderner Waggon wird auf ausgeleierten Gleisen hin und her geworfen. Bin schon länger nicht mehr Nachtzug gefahren. Der Service ist gleich Null, obwohl wir natürlich pro Waggon eine Schaffnerin haben. Sie bietet nichts an und hat nicht mal den Heißwasserboiler im Griff, aber immerhin, sie läßt mich auch in Ruhe. Hier bei der Ankunft habe ich sie auf dem Bild.

Ich habe mir den Wecker gestellt, um in Ruhe zu frühstücken.

Brot und Marmelade habe ich noch aus Georgien und der restliche Schafskäse von Schakro. Wie es dem wohl ergangen ist…

Die Landschaft ist jetzt nicht sooo spannend – in der Kornkammer Ukraine. Der Boden ist schwarz und fruchtbar. Ich weiß jetzt, was die Farben der Ukrainischen Flagge bedeuten (oben blau unten gelb): blauer Himmel und gelbe Rapsfelder, das könnte doch gut sein.

Als ich mit der Offline-Karte auf dem Handy checke, ob wir denn pünktlich 8:21 einlaufen, stelle ich fest, saß wir schon kurz vor Ankunft sind und packe hastig zusammen. Den Bahnhof Lviv muß ich erstmal auf mich wirken lassen.

Eine gute Glegenheit, meinen Zug zu checken nach Wien. Nur steht er nicht auf der Tafel. Ich kann inzwischen ganz gut russisch und frage, ob und wann der Zug fährt: Es ist der Zug 145 nach Ushgorod, ich muß nur den richtigen Kurswagen erwischen, der wird dann umgehängt an einen Zug aus Kiew und dann geht alles seinen sozialistischen Gang.

Gut daß ich das heute schon mal abgeklärt habe.

Draußen warten die Straßenbahnen und die Gleise sind dermaßen ausgefahren, davon muß ich nochmal ein Foto machen.

Auch die Wagen sehen erbärmliches aus, aber ich finde sie gut und die Einheimischen lieben sie, glaube ich. Wen auch immer das laute Klickern und Poltern der billigen Kofferrollen auf unsern Bahnhöfen nervt, der wäre hier richtig. Die Koffer haben auch Rollen, aber da fängt man sich nur Schlamm und Sand ein, rollen jedenfalls kann man hier nirgends. Nicht nur gibt es keine Auf- und Abfahrten auf die hohen Bordsteine, auch sind die Wege dermaßen grob gepflastert oder mit brüchigen Platten belegt, da kommt man rollend gar nicht weit. Mein geländegängiger Wagen ist das mindeste.

Noch einen anderer „Vorteil“: Es gibt keine Menschen mit Behinderungen – jedenfalls nicht draußen. Praktisch alle Menschen mit Handicaps sind von gesellschaftlichen Leben durch Barrieren ausgegrenzt. Auf meiner Reise habe ich keine Menschen im Rollstuhl oder mit Rollator gesehen. Die müssen alle zuhause bleiben. Denn rollen ist hier nicht. Auch nicht Tastelemente, Audiohilfen, Blindenschrift oder sonstige Hilfen. Nicht mal in den herausgeputzten Zentren der Hauptstädte. Da lob ich mir die verhaßten EU Vorschriften.

Die Fahrerin meckert mich an, weil ich es durch die engen klapprigen Türen vier Stufen kaum hoch schaffe. Ich sage Iswinitje – Entschuldigung – das heizt sie nur noch mehr auf. Sie ist außer sich und drückt auf ihre höchste Eskalationsstufe: Die Dauerklingel. Denn die Autos vor ihr machen auch nicht, was sie sollen. Ich kaufe ein Ticket, neue Stadt, neues System.

Anders als in Rostow und Odessa (wo man hinten einsteigt und beim Verlassen des Wagens vorn das Geld passend bezahlt,) kauft man hier bar vorn das Ticket und geht nach hinten durch. Allerdings wird hier sogar entwertet mit einem vorsintflutlichen Locher, der an der Wand hängt und auf den man richtig draufhauen muß, sonst tut sich nix. Ich entschuldige mich hundertmal bei den Leuten wegen meines Wagens und verziehe mich nach hinten. Dann lese ich: Bagasch kostet extra und turne noch mal nach vorne um zu bezahlen. Aber das macht es nicht besser, sie hat einfach einen schlechten Tag.

Jetzt noch den Absprung bei der Station Poschta schaffen, denn gegenüber der Hauptpost liegt mein Hostel, das Posthostel.

Es ist super ordentlich und ich fühle mich auch im 10-Bett Zimmer wohl. Es sind alte Mauern, aber die haben sie schön gemacht.

http://posthousehostel.com.ua/de/

Ankommen, umziehen und los. Ich will die Stadt laufend erkunden, undzwar nicht nur das pittoreske Zentrum, sondern das Grün drum herum. Es gelingt mir ganz gut.

Zuerst hoch auf den Schloßberg. Die 200 Höhenmeter auf dem buckligen Pflaster sind nicht ohne, aber oben der Ausblick – belohnt mich.

Denn ich komme hier natürlich auch auf meine Kosten, was historische Gebäude, Kirchen und Plätze angeht.

Lviv gefällt mir, so habe ich mir Odessa vorgestellt, nur ohne Wasser eben, es erinnert mich etwas an Salzburg.

Leider übernehmen sie auch die Unarten – Pferdedroschken zum Beispiel. Unterwegs treffe ich auf erschöpft dreinblickende Läufer mit Startnummer. Sie laufen den Lviv Ultratrail, erfahre ich.

Und Trail gibt’s hier genug, alles was grün ist, ist auch hügelig. Sonst wäre es je bebaut.

Auch einen Kreuzweg der Katholiken gibt es – wir sind fast in an Mitteleuropa.

So manch ehemaliges Militärsportgelände liegt verlassen da, auch dieser Kulturpalast wächst langsam zu.

Über den Friedhof laufe ich natürlich nicht, aber er interessiert mich schon.

Die Stadt ist voll mit Leuten. Auf der Suche nach einem typisch ukrainischen Lokal komme ich hier nicht weiter, es sieht jetzt aus wie Paris.

Hier diese Butze ist was für mich:

– ukrainische Hausmannskost – preiswert und bei Bedarf vegetarisch.

Ich kann inzwischen gut bestellen und alles lesen: Ja chotetje Vareniki c Kartofeljem i Gribami (mit Pilzen und Kartoffelfüllung).

Die Stadt wird immer voller, die Menschen tanzen sogar an einer Stelle zu Folklore-Pop. Vielleicht ist es auch die After Run Party des Ultratrail. Die Deko steht noch.

Die Straßenbahn kämpft sich durch. Meine spezielle Fahrerin hat aber sicher jetzt Feierabend, die wäre jetzt geplatzt.

Veröffentlicht von langeguido

Ich bin Läufer, Magazinliebhaber und Laufblogger. 22.000 km lief ich schon in den letzten 9 Jahren. Zwei Blogs gibt es von mir: https://transkaukasien.com - 2019: Ein Abenteuer in Russland, Aserbaidschan, Georgien, Ukraine, Österreich zurück nach Deutschland + https://abenteuerbaltikum.com - Lauf 2017 : 2000 km entlang der Ostsee laufen, von Stralsund nach Tallinn / Helsinki I‘m a runner and I could tell some short stories about running. 22,000 k I ran in the last nine years. Two blogs I wrote: 2019 https://transkaukasien.com : Run and travel in Russia, Azerbaidshan, Georgia, Ucraine, Austria and back to Germany. 2017 https://abenteuerbaltikum.com : 2000 km along the Baltic Sea coast - Germany, Poland, Russia, Lituania, Latvia, Estonia, Finland.

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