Nach 11 Stunden scheint die Sonne durch die trüben Fenster in mein Zimmer, das mal eine Touristenunterkunft werden sollte, aber noch ohne Strom und ohne Wasser ist. Als erstes muß ich auf die – Toilette kann man das bröckelige Loch hinterm Haus nicht nennen. Ich brauche jetzt – mal abgesehen vom Zelt – mein gesamtes Equipment, koche mir einen schönen Kaffee und esse nur zwei von den dunklen Brotscheiben mit nutella und spare etwas für später. Lieber kombiniere ich das mit allerlei abgepackten Keksen, die man oft als Verpflegung nach Marathons bekommt. So habe ich neumodische glutenfreie Kekse Made in U.S.A. und Made in Italy – am Rande der Aserbaidschanischen Steppe!

Es scheint warm zu werden und so mache ich mich bald auf den Weg.

Es geht den Berg hoch – ich bin mir sicher, daß sich die Planer etwas dabei gedacht haben, sanfter kann man hier nicht hoch kommen.

Von weitem sehe ich einen Schäfer mit seiner Herde – oberhalb Bildmitte etwa.

Und Kühe weiden auf der anderen Seite.

Die Steppe ist einfach überwältigend schön. Daß das Nichts so schön sein kann! Mein nächster Ort ist Cengi – nur 21 km entfernt aber anstrengend genug, daß mir der Schweiß strömt. Die Kioske sind allesamt nicht in Google verzeichnet und auch hier gibt es wieder eine ganze Reihe davon. Gleich beim ersten halte ich an, er hat eigentlich nur Getränke und Cracker. Wir unterhalten uns, woher – wohin und daß ich einen Schlafplatz brauche. Er bietet mir an, in seinem Kiosk auf der Erde zu schlafen. Hm – das wäre schon mal eine Option – obwohl es total schmutzig ist. Wir machen ein Foto und ich laufe weiter.

Am anderen Ende von Cengi ist eine blitzblanke Tankstelle AzerPetrol, ganz in grün. Ich taste mich vorsichtig ran, weil bei der letzten Tankstelle zwei Hunde bellend auf mich zu kamen, dann aber abdrehten. Sie empfangen mich herzlich, ich stelle mich zum Spaß an die Zapfsäule und dann gucke ich in das KAFE.

Meine Wagen kann ich draußen stehen lassen, er ist geschützt vor einem heftigen gerade aufziehenden Regen – gutes Timing. Mein Plan ist, hier an diesem sauberen Ort zu übernachten und ich muß sehen, wie ich das einfädele. Die Toilette hat, wie oft hier, eine Intimdusche und so könnte ich mich zumindest „untenrum“ sauber halten. Sie hat ordentlich Druck und so brauche ich einige Papiertücher, um die Überschwemmung zu bereinigen.

Es gibt auch etwas zu essen. Ich nehme das gleiche wie mein Nachbar. Die Portionen sind stets klein, aber das ist vielleicht ganz gut so, falls ich noch weiter muß. Ich trinke 4x Tee mit Zucker und bin gut durchgewärmt.

Meine Klamotten trocknen hinten am Zaun in der Sonne. Übernachten ist absolut ausgeschlossen und so werde ich wie bei den letzten 4 Anläufen auf den nächsten Ort verwiesen – Qobustan Mereze – 31 km. Wir machen wieder Foto und dann los.

Das ist natürlich heftig, jetzt um 14:30 nochmal so eine Strecke in Angriff zu nehmen, zumal man schon den nächsten Anstieg von hier sieht. Aber wenn man erstmal dran ist, geht es meist ganz gut.

Mereze ist etwas größer, das hatte ich erst für morgen geplant, aber vielleicht mache ich da schon eine Pause, wenn es sich lohnt.

Nach 1 km kommt ein Gehöft – ist das da ein schwarzer Hund, der lauert? Nein, es ist eine Frau mit schwarzem Rock und Strumpfhosen, die sich über eine Art Wasserloch bückt. Ich sehe schon Gespenster.

Nach 2 km ist etwas weiter drin eine Art Resthof mit Ferdervieh und mit Hunden. Wenn’s denen hier gut geht, sind die sicher nicht aggressiv. Aber das werden sie, sie bellen auf, sammeln sich und laufen auf mich zu – ich denke, mich zu verteidigen, falls es ernst wird und zücke schon mal mein Pfefferspray. Und es wird ernst, es sind 6 oder 7 und sie kreisen mich immer weiter ein. 3 m Abstand, 2 m , 1.5

Ich gehe rückwärts den Wagen zwischen mich und den Rudelführer, gebe eine Sprühstoß ab, der vom Winde verweht und stehe inzwischen auf der linken Spur der Autobahn. Der Besitzer hat nun die brenzlige Situation bemerkt und sprintet die 400 m hoch zu uns. Es kommen immer wieder Autos, vor denen die Hunde zurückweichen, aber dann ziehen sie den Ring enger. Der Besitzer ist da, brüllt laut und wirft mit Steinen. Die Hunde und er ziehen ab, ich bin völlig erschöpft und geschockt.

Das war so knapp, das war lebensbedrohlich, die merken daß ich Angst habe und sie haben den Vorteil des Rudels.

Ich versuche mich zu beruhigen, kann ohnehin nur hoch wandern, denn die Straße hat 12 % Steigung auf den nächsten 2 km und ich hab ja immer noch meine 30 Kilo hinten dran.

Umdrehen wär jetzt auch blöd.

Dann bellen die Hinde erneut von weitem und ich sehe aus ca 800 m, daß sie sich erneut in meine Richtung aufmachen. Der Bauer geht ins Haus. Als ich Gewißheit habe, daß sie Ernst machen, flüchte ich über die 1 m hohe Trennmauer auf die Gegenspuren, wuchte in einem Ruck meinen Wagen gerade noch rechtzeitig rüber und erreiche den Schotterstreifen. Die Hunde erreichen die Mauer und der Rudelführer kläfft wild und hat die Vorderpfoten auf der Mauer. Wenn der jetzt rüber kommt… Ich gehe rückwärts immer höher und alle Minute kommen 1-2 Autos die die Hunde auf ihrer Seite von der Straße hupen. Ich komme so ungefähr 200m voran und sehe dann eine Lücke in der Mauer weiter oberhalb. Wenn wir die so in dieser Konstellation erreichen ist es aus.

Einer nach dem anderen Hund dreht ab und auch der Rudelführer gibt 50m vor dem Durchbruch auf. Der ist nachträglich da rein geschnitten worden und er scheint ihn nicht zu kennen. Ich habe Adrenalin im Blut bis Anschlag, gehe weiter rückwärts und zu erkennen, daß sie sich wirklich trollen.

Das hier kann ich mir nicht leisten, das ist kein Abenteuer mehr, das ist Harakiri. Jedenfalls für meine kleine weiche Seele. Ich kann so nicht weitermachen. Das nächste Gehöft kann weit weg sein oder hinter der Kuppe. Auf keinen Fall will ich hier verletzt werden oder schlimmeres. Sicher, ich könnte mich noch mehr wehren, Steine sammeln zur Verteidigung. Aber was ist das für ein Lauf, bei dem man um sein Leben läuft?

Ich erreiche die Kuppe und die Mittelmauer ist inzwischen doppelt ausgeführt mit 1 m Zwischenraum. Wenn Sie jetzt nicht von meiner Seite kommen, würden sie es schwer haben. Ich plane die nächsten Minuten: Wenn die Mauer wieder einfach wird, gehe ich zurück in meine Fahrtrichtung und versuche ein Auto anzuhalten, das mich die letzten 22 km nach Mereze mitnimmt. Da soll ja – mal wieder – ein Hotel sein. Ich schaffe mit ach und Krach mich und die Mauer. Dan kann man mal sehen, wozu die Hormone im Überlebenskampf gut sind, vorhin bin ich da einfach drüber, habe mit aber auch ein paar Schürfwunden zu gezogen von dem rohen Beton.

Es wird ein Mercedes Diesel mit über 415.000 km auf dem Tacho. Der Besitzer sagt, es gibt in Mereze ein Hotel, aber mein Nebenmann auf der Rückbank sagt, das gäbe es nicht (mehr). Er ist jung und attraktiv, sucht Arbeit und fragt mich, ob er nicht seinen Pass zerreißen soll und dann in Deutschland um Asyl oder einfach nur um Arbeit bitten soll. (In der AzerPetrol hatten wir die Diskussion um Geld. Ein Angestellter verdient dort 100 € im Monat). Das ist natürlich viel zu wenig um irgendwie sinnvoll über die Runden zu kommen. Ich sage ihm, daß das eine absolut schlechte Idee ist. Er soll sich ein Arbeitsvisum besorgen und dann 3 Monate arbeiten, dann nach Hause, dann wieder 3 Monate usw. so wäre alles legal und vor allem Nachhaltig. Keine Ahnung, ob das so geht, aber Leute wie ihn, können wir sicher gebrauchen bei uns. Auf keinen Fall den Paß zerreißen! Und er soll sein Handy einschalten und Sprachen lernen, Sprachkurse machen, sonst können Sie ihn nicht gebrauchen, auch nicht auf dem Bau. Er kann kein russisch, kein englisch, kein deutsch natürlich.

Das erste Mal entspanne ich mich etwas. Das Land ist so atemberaubend schön, die Leute sind so lieb, so friedlich, sie sind so ehrlich obwohl sie arm sind.

Ich will Fotos machen. Leider habe ich mein Handy hinten drin, auch die Trinkflasche und eine Jacke. Die beiden Männer vorn rauchen und lassen die Scheibe runter, daß es zieht. Egal, so schlimm kann der Rotz nicht werden, als daß ich jetzt aussteigen wollte.

Draußen kommt jetzt nochmal ein fetter Regen, die Scheibe ist vielfach geplatzt und verschmiert, aber das reicht so. Wir sind nicht angeschnallt, weil die Gurte fehlen. Wir hören laut aserbaidschanische Musik und ich bejahe, sehr gute Musik. Nein ich verstehe nichts aber ich mag die Melodie. Sie sind zufrieden mit mir. Die Sonne kommt wieder raus.

Wir fahren durch bis nach Samaxi = Shamakhi. Die nächsten 30 km sind Autobahnbaustelle – man sieht vor Staub fast nichts. Wenn mich die Hunde nicht bekommen haben, hier hätte ich mir eine Staublunge zugezogen. Laufen wäre nicht gegangen.

In Samaxi bringen Sie mich zum ersten Haus am Platze, sogar mit SPA.

Zu meiner Überraschung ausgebucht. Das kann vielleicht auch wegen einer Familienfeier sein ist wegen eines wichtigen Politikers. Dann machen sie einfach dicht, denke ich. So muß ich 4 km zurück in ein Motel am Busbahnhof. Laufen kann ich. Erstmal duschen + Klamotten waschen.

Ich brauche Zeit zum Nachdenken. Scheitern gehört zum Leben. Ich kann hier reisen, aber zu Fuß das Land durchqueren, das mache ich nicht. Nur war der Plan halt laufen.

Abends gehe ich nochmal die 4 km in ein Restaurant ganz in der Nähe des besseren Hotels. Hier ein paar Eindrücke.

Es heißt Dostlug. Das einzige, daß ich hier finden konnte, aber es ist sehr gut, typisch für die Gegend.

Da nehme ich von der Karte irgendwas und es sieht gut aus- kommt wahrscheinlich gleich noch Fleisch dazu.

Ein kleiner Ofen beheizt den großen mit Neonlicht beleuchteten Gastraum. Ich friere und meine Nase läuft in Strömen, dauernd niese ich und mit ist kalt. Na, da gibt es wirklich schlimmeres.

Dann wieder die 4 km zurück zum Avtovoksal (Busbahnhof) am Stadtrand. Wieder Hunde, nicht die guten schläfrigen vom Tage, nein hungrige. Sie stellen sich zu viert in den Weg und auf Seiten der Stadt werden sie auch lebendig, bellen in einer Hofeinfahrt. Beide Seiten warten ab. Ich winke einem Auto und das dritte hält an. Er fährt mich die letzten 400 m zum Motel und ich gebe ihm 2 Manat = 1 €. Das scheint angemessen zu sein, nicht übertrieben. Ich frage ihn nach den Hunden und er sagt, abends kämen sie vom Land runter in die Stadt, er würde hier jetzt auch nicht langlaufen.

Ist nicht mein Tag heute…

(2. und vorläufig letzte Laufetappe, ca. 28 km)

Veröffentlicht von langeguido

Ich bin Läufer, Magazinliebhaber und Laufblogger. Ich laufe regelmäßig seit 2011 und erlebe dabei viel. Zwei Blogs gibt es von mir: https://transkaukasien.com - Frühjahr 2019: Ein Abenteuer, von Baku über Tiflis nach Poti zu laufen - Aserbaidschan + Georgien - vom kaspischen meer zum Schwarzen Meer, und https://abenteuerbaltikum.com - Lauf 2017 : 2000 km entlang der Ostsee laufen, von Stralsund nach Tallinn / Helsinki I‘m a runner and I could tell some short stories about running. In 2019 I run from Caspian Sea to the Black Sea, from Baku to Tiflis to Poti - Azerbaidshan ans Georgia. 2017 I ran 2000 km along the Baltic Sea coast - Germany, Poland, Russia, Lituania, Latvia, Estonia, Finland.

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4 Kommentare

  1. Hallo Guido, dass wäre Schade wenn Du diese Reise abbrechen müsstest. Aber vielleicht täglich einer aggressiven Hundemeute zu begegnen macht keinen Sinn. Trotzdem Dir alles gute. Jan

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Jan, ich mach nun erstmal Sightseeing, wo ich ja schon mal hier bin und vielleicht hab ich ja noch einen Plan B. Aber erstmal – so ist es, kann ich hier nochmaligen wie ich wollte.
      Danke und lieber Gruß, Guido

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  2. Lieber Guido, deine Berichte lesen sich sehr interessant, lustig, spannend, teilweise zu spannend. Alles Gute und bleib/werde gesund!
    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Ganz vielen Dank, liebe Nicole, toll daß Du das liest. Ich fahre nun mit dem Bus durch das Land und will mal schauen, ob ich nicht einen Plan B habe. Liebe Grüße vom Busbahnhof in Sheki – warte auf den Bus nach Qax, da soll ein Bus nach Georgien gehen. Laufen will ich dann halt später wieder, wenn‘s nicht gefährlich ist. Nun schreibe ich meine Geschichte von gestern.

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