„Das glaubt mir sowieso keiner“ und „das wird noch lustig“ sind die Erkenntnisse des heutigen Tages. Abenteuer pur. Noch ein Foto im Hostel und dann geht es ab.

Ich bin wirklich unterwegs und beobachte mich noch ungläubig in den Schaufenstern der Edelboutiquen der Innenstadt.

Ich hatte gestern schon mal geguckt, wo ich denn rauslaufen würde und so ist die Orientierung kein Problem. Auch das Durchwühlen quer über Straßenkreuzungen bei zähfließendem Verkehr mit Hupkonzert habe ich gestern schon geübt, heute mit Wagen. Auf der Ausfallstraße kommen immer wieder solche Knäuel aus Bushaltestelle, Taxistand, Lieferautos, Private PKW und Polizei – kleine Unterzentren. Die Leute rufen und winken, sobald sie mich sehen. Salam!

Ich bewege mich wie ein Auto, denn ich bin genauso schnell und die Gehwege wären schwieriger als die Kletterpassagen bei uns im Hunsrück. Die Polizei stoppt schon mal den Verkehr für mich und winkt. Es ist grandios. Ich werde auf einer Sympathiewelle aus der Stadt getragen! Ich habe das nicht fotografieren können aber ich habe das genossen.

Autos hupen, fahren erst weiter, wenn ich sie auch einzeln zurück gegrüßt habe, teilweise laufe ich wie ein Olympiasieger. Am Stadion ist kein Betrieb und ich lasse mich fotografieren.

Dann wird die Straße zur Autobahn und ich laufe auf der rechten von 4-5 Spuren. Lustig auch die Stelle, als eine Auffahrt mit drei Spuren noch rechts dazu kommt. Die Abgase sind enorm und es geht immer noch weiter bergauf. Der Chef ist immer präsent (Bildmitte).

Bei km 9 biege ich links ab und verlasse mich dabei ganz auf meine Uhr, da hab ich die Route eingespeichert und das stimmt auch so. Ich komme auf eine super schlechte Straße und überquere Schienen ohne jeden Bahnübergang. Zwei Leute reparieren einen LKW und die sagen auch, ich bin hier richtig. Dann kommt ein Dorf.

und dann eine andere Autobahn, da fahre ich dann wieder mit. Ein Bus hält an und will mich mitnehmen, immer noch hupen Autos und ich grüße.

Diese Autobahn ist nicht so voll und es läuft sich gut. Dann bellen Hunde am Straßenrand und zeigen die Zähne – und es werden immer mehr. Sie verfolgen mich und ich muß was unternehmen gegen die Meute! Ich laufe durch eine enge Stelle in der Hoffnung, sie abzudrängen. Dann kommen Gebäude und ein Mann reißt das Fenster auf und schreit etwas, dann drehen sie ab.

Uff, das war knapp. Ich stehe vor einem Polizisten und frage ihn, was man denn rufe in so einer Situation . Er sagt es mir aber ich habe es schon wieder vergessen. Beim nächsten Mal muß ich direkt einschreiten, wenn einer bellt, damit nicht immer mehr kommen. Und mein Pfefferspray für Notfälle muß ichbereit halten. Das war gefährlich, fand ich.

Der letzte und ärmlichste Wohnblock für viele Tage, denke ich.

Vorhin war es richtig heiß und jetzt friere ich beim Laufen. Meine Kräfte schwinden und ich sehe ein letztes Restaurant, bevor die Steppe anfängt bei km 28 bei Pirekeçkül. Da gehe ich rein.

Ich werde direkt in die Küche dirigiert und nicke und sage nur, sehr gut, das nehme ich, ausgezeichnet – auf englisch in russisch. Dann setze ich mich, aber es passiert erstmal nichts. Keine Ahnung was ich machen muß. Dann machen wir das Spiel nochmal und gehen in die Küche und dann bringen sie was. Da kam dann noch Fleisch dazu.

Nun mache ich mit vollem Magen Pause, die Sonne ist wieder da und dann laufe ich weiter auf der Autobahn, erst spazieren gehen, nachdem alles gesackt ist, wieder laufen. Eine gute Strategie für sehr lange Strecken. Die Berge kommen immer näher und sind wirklich auch kahl.

Mein Benpacker hat hier noch mehr abzufedern als im Baltikum, plötzliche Schlaglöcher bis zu einem halben Meter sind möglich.

Die Autobahn selbst ist aber gut. Sie wird immer staubiger und die Autos werden seltener. In Qobustan gibt es ein paar Kioske. Ich fange vorne an und frage nach einer Unterlunft – nichts. Ich habe echt Bedenken wegen der wilden Hunde und frage, ob er selbst nicht hier wohne und ob er nicht einen abgeschlossenen Garten hat, da könnte ich mein Zelt aufstellen. Er zeigt mir nach langem Zögern einen halb eingezäunten „Carport“, dabei hat er neben sich einen leerstehenden Lagerraum, der wäre ideal. Nichts zu machen.

Ich bin ratlos und gehe zum nächsten. Auch er hat nichts, dann kommt sein Onkel und der kann gut russisch. Er hat aber auch verschiedenste Geschichten auf Lager. Angeblich käme in 5 km ein super Hotel mit Tankstelle. Und in Cangi – da will ich morgen hin, gäbe es auch ein Hotel. Das soll ja gut sein, wenn’s denn so ist. Aber die nächsten dann sagen, das ist Quatsch.

Ich habe nun eine Strategie: Erst aufklären, woher ich komme – Hirraaa Almanya, dann daß ich zu Fuß unterwegs bin und dann um Hilfe bei der Quartiersuche bitten. Sie haben auch erst nichts. Ein Werkzeugladen wird von einem jungen Burschen bewacht, auch er will mir nicht sein leerstehendes Nachbarcafe geben, obwohl er den Schlüssel zeigt. Ich erkläre und bettele, da kommt sein Nachbar um die Ecke und der fragt ganz genau: Nur eine Nacht, eine Person, nur schlafen – nichts weiter. Er telefoniert mit dem Vormund des Jungen und dann ist es abgemacht – dr Bub führt mich hin. Nicht etwa zum Café sondern auf die Rückseite des Hauses durch einen Garten und schließt mir ein Zimmer auf.

Ich bin erstaunt und hoch erfreut, zahle meine 8€, er will partout kein Geld oben drauf, ich klatsche ihn ab und bin happy.

Na, das war ja knapp. Das kann ja noch heiter werden die nächsten Tage. Denn es kommen keine Hotels, da bin ich sicher. Klar, das Zimmer ist staubig, kalt, hat alte Betten, kein Wasser, aber es ist eine geschlossene Behausung!

Ich gehe über die Autobahn durch einen kleinen Durchlaß der Mittelmauer, denn da ist ein Café. Die haben praktisch nichts außer Tee. Die Frau des Hauses zeigt mir ihren Kühlschrank, da sind undefinierbare Sachen in Tupperdosen drin und ich entdecke Kichererbsen, Die nehme ich und einen löslichen Capuchino.

Ich setzte mich auf einen der beiden Stühle vorm Haus, keine 10 m von der Autobahn weg.

Die Berge sind der Hammer, überhaupt, daß hier so gar nichts ist, nicht mal Bäume oder so. Eine Kuh kommt im meine Richtung, geht dann aber mit ihrer Freundin einfach auf die Autobahn. Ich rufe den Jungen herbei aus dem Café und er nicht nur, alles OK. Wirklich? Die Kühe gehen den gleichen Weg wie die Menschen, durch die Lücke in der Sperrmauer und trotten auf die andere Seite ins Dorf. Puh, Glück gehabt.

Das Dorf Qobistan bietet nichts, es gibt einen See aber ein Einwohner sagt, der sei nicht schön.

Es gibt wohl auch keine Moschee, aber immerhin Lautsprecher mit dem Ruf des Muezzins um 19:45 und seiner weiblichen Kollegin um 20:45. Zeit ins Bett zu gehen, denn es wird kalt jetzt. Ich zieh mich dick an, ungeduscht. Das kann echt noch lustig werden die nächsten Tage…

Immerhin, der Anfang ist gemacht.

(1. Laufetappe – ca. 36 km)

Veröffentlicht von langeguido

Ich bin Läufer, Magazinliebhaber und Laufblogger. 22.000 km lief ich schon in den letzten 9 Jahren. Zwei Blogs gibt es von mir: https://transkaukasien.com - 2019: Ein Abenteuer in Russland, Aserbaidschan, Georgien, Ukraine, Österreich zurück nach Deutschland + https://abenteuerbaltikum.com - Lauf 2017 : 2000 km entlang der Ostsee laufen, von Stralsund nach Tallinn / Helsinki I‘m a runner and I could tell some short stories about running. 22,000 k I ran in the last nine years. Two blogs I wrote: 2019 https://transkaukasien.com : Run and travel in Russia, Azerbaidshan, Georgia, Ucraine, Austria and back to Germany. 2017 https://abenteuerbaltikum.com : 2000 km along the Baltic Sea coast - Germany, Poland, Russia, Lituania, Latvia, Estonia, Finland.

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3 Kommentare

  1. Vielen Dank, lieber Olaf, das mit dem Durchhalten ist gar nicht so einfach, die wilden aggressiven Hunde sind das Problem. Dazu schreibe ich nachher etwas im heutigen Beitrag 12.
    Herzlicher Gruß, Guido

    Liken

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